Gendern – Was ist das?
In den letzten Jahren ist das Thema „Gendern“ zunehmend in den Fokus der öffentlichen Debatte gerückt. Dabei geht es nicht nur um sprachliche Präferenzen, sondern auch um eine tiefere Auseinandersetzung mit Gleichberechtigung und Diversität in der Gesellschaft – Themen, mit denen sich jedes Unternehmen heutzutage auseinandersetzen sollte.
Der Begriff „Gendern“ bezieht sich auf den bewussten Einsatz geschlechtergerechter Sprache. Ziel ist es, Geschlechter sprachlich gleichwertig zu repräsentieren und somit Diskriminierungen zu vermeiden. In vielen Sprachen, darunter auch das Deutsche, ist die Sprache traditionell auf das männliche Geschlecht ausgerichtet – man spricht oft von „Ärzten“ oder „Lehrern“, um sowohl Männer als auch Frauen zu benennen, was die existierende weibliche Form „Ärztinnen“ oder „Lehrerinnen“ sprachlich erstmal unsichtbar macht. Stichwort: generisches Maskulinum (geschlechtsneutrale Verwendung maskuliner Substantive/ Pronomen). Das Männliche wird im Deutschen also erstmal als Norm angesehen und unsere Sprache basiert sichtlich auf Werteordnungen, die Männer privilegieren und höherstellen. Im Gegensatz dazu gibt es im Englischen beispielsweiche einfach für alle Geschlechter nur die Bezeichnungen „doctor“ oder „teacher“, da die Nomen in dieser Sprache neutral und damit ohne grammatisches Geschlecht sind.
Das Gendern umfasst im Deutschen verschiedene Formen, um das Ungleichgewicht zu korrigieren und eine gleichberechtigte sowie inklusive Sprache zu fördern. Einige gängige Varianten sind:
1. Gendersternchen/ Asterisk (z. B. „Ingineur*in“):
Das Gendersternchen wird zwischen der männlichen Form und der weiblichen Endung eingefügt, um eine offene, inklusive Sprache zu fördern. Es dient nicht nur der zusätzlichen Repräsentation von Frauen, sondern auch der Anerkennung aller anderen Identitäten.
2. Doppelnennung (z. B. „Arzt und Ärztin“):
Diese Methode ist eine der ältesten und einfachsten Formen des Genderns. Sie sorgt dafür, dass sowohl Männer als auch Frauen explizit benannt werden.
3. Binnen-I (z. B. „LehrerIn“):
Beim Binnen-I wird die männliche Form des Wortes beibehalten, aber durch ein großes „I“ die weibliche Form sichtbar gemacht. Es handelt sich um eine vereinfachte Doppelnennung.
4. Schrägstrich (z. B. „Mitarbeiter/innen“):
Beim Schrägstrich wird die männliche und weibliche Form durch einen Schrägstrich getrennt. Diese Form ist eine der ältesten Varianten des Genderns und richtet sich erneut an die binären Geschlechter.
5. Doppelpunkt/ Colon (z.B. „Gärter:innen“):
Beim Gendern mit Doppelpunkt wird an die männliche Form eines Substantivs nach einem Doppelpunkt die weibliche Endung angehängt. Diese Variante wird vor allem in schriftlichen und digitalen Medien verwendet und ist besonders beliebt in feministischen und aktivistischen Kontexten sowie in den sozialen Medien, politischen Diskursen und wissenschaftlichen Texten. Der Doppelpunkt ist eine visuell klare Methode, eine Offenheit für alle Geschlechteridentitäten zu bieten.
6. Neutralisierung (z. B. „Lehrkraft“ statt „Lehrer“):
Diese Form nimmt den Fokus von den Geschlechtern völlig weg. Es geht primär um die Tätigkeit. Statt geschlechtsspezifischer Bezeichnungen werden geschlechtsneutrale Begriffe verwendet.
7. Gendergap / Unterstrich (z.B. „Psycholog_in“):
Ähnlich wie das Gendersternchen wird hier ein Unterstrich genutzt, um die verschiedenen Geschlechteridentitäten zu inkludieren. Der Gap (Lücke) zwischen der männlichen und der weiblichen Endung steht ebenfalls für die Vielzahl an Geschlechtern.
8. Wortersatz (z.B. „Personen/ Menschen/ Leute/ alle im Gesundheitswesen statt Ärzte und Ärztinnen“):
Hier werden ganze Wörter oder Formulierungen ersetzt, um so neutral und inklusiv wie möglich formulieren zu können.
Die gängigsten Varianten unterscheiden sich also hinsichtlich der sprachlichen Struktur und der Inklusivität der Ansprache. Jede dieser Methoden hat ihre ganz eigenen Merkmale und wird in unterschiedlichen Kontexten bevorzugt. Sie sind unterschiedlich klar, direkt, einfach, neu, kurz, verständlich, elegant, redundant und vor allem eben unterschiedlich inklusiv. Da letzteres für mich der ausschlaggebendste Punkt ist und ich finde, dass alle Varianten verstanden und adaptiert werden können, würde ich persönlich zu jeder Zeit das Gendersternchen, den Unterstrich oder den Doppelpunkt bevorzugen. Neutralisierungen finde ich an den passenden Stellen ebenfalls sinnvoll.
Wissenschaftliche Untermauerung: Was sagen Studien zum Gendern?
Es gibt mittlerweile zahlreiche Studien, die die Auswirkungen des Genderns auf unsere Wahrnehmung und unser Verhalten untersucht haben. Eine zentrale Erkenntnis der Forschung ist, dass Sprache unsere Denkmuster durchaus beeinflussen kann. Übertragen auf das Gendern bedeutet das plump: Wenn wir immer wieder nur von „dem Arzt“ sprechen, prägt sich die Vorstellung eines Arztes als männliche Person ein. Das kann dazu führen, dass Frauen und andere Geschlechter in bestimmten Berufen unterrepräsentiert oder als weniger kompetent wahrgenommen werden.
Die Erkenntnis ist klar: Sprache besitzt eine starke soziale und kulturelle Macht und kann damit bestehende gesellschaftliche Ungleichgewichte sowohl verstärken als auch verändern oder im besten Fall abschwächen. Das unterstreicht die Relevanz der Förderung von Gleichberechtigung sowie der Unterstützung der Sichtbarkeit von Frauen und nicht-binären Personen durch eine inklusive und gendersensible Sprache.
Es reichen schon simple Selbstversuche im Kleinen um das Beschriebene sichtbar zu machen. Versuch zum Beispiel mal, Kinder zu fragen, wer ihr Lieblingsheld, beziehungsweise wer ihr Lieblingsheld oder ihre Lieblingsheldin ist. Je nach Fragestellung unterscheiden sich die Antworten stark.
So untersuchten bereits Dagmar Stahlberg und Sabine Sczesny, ob das generische Maskulinum innerhalb einer derartigen Fragestellung zur bevorzugten Nennung männlicher Repräsentanten führe. Und du wirst es jetzt erwarten: Die Testpersonen nannten überwiegend Männer, während bei neutralen Fragestellungen sowohl Frauen als auch Männer erwähnt wurden.
Vorteile des Genderns
Zu den wichtigsten Vorteilen gehören:
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Förderung der Gleichstellung:
Geschlechtergerechte Sprache trägt dazu bei, die Wahrnehmung und das Selbstverständnis von Individuen zu verändern und sorgt dafür, dass alle Geschlechter als gleichwertig angesehen und auch in Alltag, Schule, Universität und Berufsleben so behandelt werden. Gendern eröffnet zudem Raum für Diskussionen über Gleichberechtigung und die gesellschaftliche Stellung von Frauen und marginalisierten Gruppen. -
Förderung von Vielfalt und ihrer Anerkennung:
Gendern erkennt an, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, fördert so eine offenere Haltung gegenüber vielfältigen Geschlechtsidentitäten und erkennt diese an. Das kann besonders für nicht-binäre, intersexuelle oder trans Personen von Bedeutung sein und dafür sorgen, dass diese sich automatisch wohler und integrierter fühlen. -
Reduzierung von Geschlechterstereotypen:
Die Verwendung gendergerechter Sprache kann stereotype Denkmuster herausfordern, indem sie die Norm vom „Mann als Standard" aufbricht und langfristig gesellschaftliche Normen und Verhaltensweisen verändert. -
Veränderte Wahrnehmung:
Durch die Verwendung von gendergerechter Sprache können Diskriminierung und Exklusion, die oft unbewusst in der Sprache verankert sind, vermieden werden. Leute werden zu mehr Sensibilisierung und bewussterem Handeln angeregt.
Kritikpunkte und Vorwürfe
Trotz der Vorteile gibt es von Seiten der Kritiker*innen viele häufig genannte Punkte, die sich jedoch fast immer entkräften lassen:
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Kritikpunkt 1:
Gendern sei unverständlich und kompliziert. Gendergerechte Sprache beeinträchtige die Verständlichkeit und Lesbarkeit von Texten. Der Lesefluss werde störend unterbrochen.
NEIN!: Es ist zwar richtig, dass geschlechtergerechte Sprache in einigen Fällen ungewohnt und ungeübten Sprecher*innen oder Leser*innen fremd erscheinen kann. Doch dies ist oft eine Frage von Zeit und Gewöhnung. Studien zeigen, dass es in der reinen Verständlichkeit von Texten sogar von Anfang an überhaupt keine Unterschiede gibt. -
Kritikpunkt 2:
Gendern würde die „natürliche" Sprache verändern und gegen die „natürliche" Sprachentwicklung verstoßen. Die klassische, grammatikalische Norm solle niemals verändert werden.
NEIN!: Sprachentwicklung ist ein dynamischer Prozess, der sich ständig verändert, und das schon immer. Die Einführung von gendergerechter Sprache ist Teil dieser Entwicklung und spiegelt ein zunehmendes Bewusstsein für gesellschaftlich notwendige Veränderungen wider. -
Kritikpunkt 3:
Gendern sei überflüssig, weil die Gleichstellung bereits erreicht sei.
NEIN!: Die Gleichstellung der Geschlechter ist ein fortlaufender Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist. Es bestehen weiterhin unzählige gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Ungleichheiten. Sprachliche Gleichbehandlung ist ein wichtiger Bestandteil dieses Prozesses, das zeigt auch die Wissenschaft. -
Kritikpunkt 4:
Gendern führe zu Übertreibungen und unnötigem Anzählen derer, die sich schon nur manchmal vertun.
NEIN!: Je gerechter desto besser, eine Übertreibung kann es da gar nicht geben. Niemand möchte zu einem Drucker Drucker*in sagen. Es geht zudem nicht darum, immer jede einzelne Stelle perfekt zu gendern, sondern eher generell um einen bewussten Umgang mit Sprache, um Chancengleichheit zu fördern. Niemand muss das Gendern perfekt beherrschen. -
Kritikpunkt 5:
Das generische Maskulinum spreche doch alle an. Seine Verdrängung wäre unnötig und anmaßend.
NEIN!: Das generische Maskulinum spiegelt nicht die Realität wider. Es spricht nicht alle an, denn es existieren nicht nur Männer. Das konnten historische Aufzeichnungen und Studien belegen. Gleichberechtigung ist nicht, ist niemals, anmaßend. -
Kritikpunkt 6:
Gendern würde zu viel Gewicht auf die Sprache legen, auf Probleme aufmerksam machen, die es nie gab und damit alles, aber nicht tieferliegende gesellschaftliche Probleme lösen.
NEIN!: Das verkennt leider die Realität. Die verschiedenen Geschlechter sind nicht gleichberechtigt und werden durch das generische Maskulinum auch nicht mitgenannt und auch im nächsten Schritt nicht mitgedacht. Durch diese Missstände muss der Fokus auf die Sprache gelegt werden. Das ist nicht schlimm oder gar sexistisch, sondern stößt Fortschritt an. -
Kritikpunkt 7:
Insbesondere in offiziellen Dokumenten und in der Verwaltung erfordere das Gendern lästigen zusätzlichen Aufwand und würde zu viel zu hohen Kosten führen.
NEIN!: Die langfristigen Vorteile einer inklusiveren Gesellschaft überwiegen, und viele Organisationen haben bereits bewiesen, dass Gendern effizient umgesetzt werden kann, ohne großen finanziellen oder organisatorischen Aufwand zu verursachen. Außerdem: Für wie viel Quatsch wird bitte sonst Geld ausgegeben? -
Kritikpunkt 8:
Wörter wie Lehrer:in oder Ausstatter*in seien unaussprechbar.
NEIN!: Wir sprechen bereits viele Wörter ganz ähnlich aus. Die kurze Sprechpause heißt Glottisschlag. Wenn wir Theater sagen, bekommen wir das ja auch ganz gut und problemlos über die Lippen.
Warum es für Unternehmen sinnvoll ist, zu gendern
Die Verwendung von gendergerechter Sprache ist nicht nur eine gesellschaftliche und ethische Entscheidung, sondern auch aus unternehmerischer Sicht von Vorteil. In unserer aktuellen Welt gewinnen die Themen Gleichstellung und Diversity in Unternehmen an Bedeutung. Hier sind einige Gründe, warum Unternehmen die gendergerechte Sprache übernehmen sollten:
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Attraktiver Arbeitgeber:
Unternehmen, die gendergerechte Sprache verwenden, werden von potenziellen Bewerbenden als moderner, offener und integrativer wahrgenommen. Sie beweisen ein Bewusstsein für gesellschaftliche Themen, was wiederum ihre Reputation stärkt. Gerade jüngere Generationen legen zunehmend Wert auf Diversität und Gleichstellung und fühlen sich davon angesprochen. -
Bessere Gewinnung und Bindung von Kund*innen:
Auch in der Kund*innenansprache kann gendergerechte Sprache ein positives Signal senden. Alle, die sich in der Kommunikation respektiert und anerkannt fühlen, sind eher bereit, eine Marke zu unterstützen, zu kaufen und langfristig loyal zu bleiben. -
Förderung einer inklusiven Unternehmenskultur:
Gendergerechte Sprache ist ein wesentlicher Bestandteil einer Unternehmenskultur, die Inklusion und Chancengleichheit fördert. Eine solche Kultur kann die Zufriedenheit der Mitarbeiter*innen und zudem die Innovationskraft erhöhen.
Gendern beweist Anpassungsfähigkeit, bietet Wettbewerbsvorteile, steigert das Engagement der Mitarbeiter*innen, erhöht Wachstumsmöglichkeiten, stärkt die Marke langfristig und erhöht die Nachhaltigkeit
Fazit und Schlussworte:
Das Gendern ist weit mehr als eine sprachliche Modeerscheinung. Es ist ein Instrument, das zur Gleichberechtigung beiträgt, Diskriminierung abbauen kann und positive Veränderungen in der Wahrnehmung von Geschlechtern fördert. Es ist an der Zeit, dass sich auch Unternehmen verstärkt mit dem Thema befassen und gendergerechte Sprache in ihre Kommunikationsstrategien integrieren – sowohl nach innen als auch nach außen und sowohl für sich selbst als auch alle anderen.
Mir ist es wichtig, aufzuzeigen, dass das deutsche Sprachsystem mit seinem generischen Maskulinum eine fundamentale Asymmetrie aufweist, was Personenreferenzen angeht. Sprachlich werden Frauen sowie non binäre Personen klar zurückgestellt. Es sollte unser Anspruch sein, dass Sprache aktuelle Gesellschaftsstrukturen widerspiegelt und das kann sie nicht, indem FLINTA lediglich in Abhängigkeit zum männlichen Geschlecht benannt werden.
Ich freue mich, wenn du eine ähnliche Meinung vertrittst, bin aber auch offen für andere Meinungen oder Ergänzungen. Das Wichtigste ist der Diskurs!
Buche dir hier gerne ein kostenloses Erstgespräch oder schreibe mir via mein Kontaktformular. Ich freue mich, von dir zu hören!
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