Wieso es sich lohnt, über meine Berufsbezeichnung zu reden...
Als ich mich selbstständig machte, habe ich den Begriff „virtuelle Assistenz“ nicht sonderlich kritisch begutachtet oder ihm viel Aufmerksamkeit geschenkt. Ich hatte das Ziel, für meine Tätigkeit einfach einen Oberbegriff zu finden, der diese am passendsten beschreibt. „Freelancer“ ist für manche Leute schon zu englisch und abstrakt, Begriffe wie „Expertin“ wirken oft unseriös, da sie nicht geschützt sind und auch alle Wortkombinationen mit „Support“ im Titel waren wieder zu englisch oder zu unkonkret. Der Name „Virtuelle Assistenz Kirsten Schölzel“ wurde somit festgelegt und eingetragen.
Nach kurzer Zeit auf Instagram begegnete ich dann jedoch einem Posting, das den Begriff genauer hinterfragte, da man sich in seiner Berufsbeschreibung durch das Wort „Assistenz“ selbst angeblich abwerte. Aber Moment mal… !
Eigentliche Wortbedeutung
Das Wort „virtuell“ stammt vom lateinischen Wort „virtus“ ab, was lange Zeit hauptsächlich Tugend oder Eigenschaft bedeutete. In der heutigen Zeit wird „virtuell“ aber natürlich verwendet, um etwas zu beschreiben, das nicht physisch existiert, sondern durch Computer- oder Technologiemittel simuliert wird. Virtuelle Realität und virtuelle Assistenz sind typische Beispiele für den Einsatz dieses Begriffs.
Der Begriff „Assistenz“ leitet sich vom lateinischen Wort „assistentia“ ab, was Unterstützung oder Hilfe bedeutet. Assistenz bezieht sich auf die Tätigkeit, jemandem bei bestimmten Aufgaben oder Anliegen behilflich zu sein. In der heutigen Welt, zu Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung, bezieht sich „Assistenz“ auch oft auf digitale oder virtuelle Unterstützung, wie sie in virtuellen Assistent*innen oder KI-gestützten Systemen zu finden ist.
Das hört sich rein von der Semantik (Bedeutung, Inhalt eines Wortes, Satzes oder Textes) meiner Meinung nach erstmal total positiv oder zumindest neutral an, oder nicht?
Die stereotype Vorstellung von Frauen in der traditionellen Rolle der "Assistenz" und die Relevanz internalisierter Misogynie
Naja, die reine Bedeutung eines Wortes im semantischen Sinne kommt natürlich nicht einfach so und ungefiltert in unserem Hirn an. Fragen wie „Wie wurde ich sozialisiert? Was erlebe ich so tagtäglich? Und welche eigenen Wertvorstellungen besitze ich? “ spielen natürlich in alles mit rein.
Grundlegendes zuerst: Frauen sind generell oft in Assistenzberufen zu finden, da historisch gesehen Geschlechterstereotype und Rollenbilder Frauen mit Eigenschaften wie Empathie, Fürsorglichkeit und Organisation in Verbindung gebracht haben. Diese Stereotypen haben dazu geführt, dass Frauen häufiger in unterstützenden Rollen gesehen werden. Es ist an dieser Stelle bereits wichtig zu betonen, dass Geschlecht selbstverständlich keine Rolle bei der Fähigkeit spielt, erfolgreich in jedem Berufsfeld zu arbeiten, und dass die Vielfalt in allen Berufsbereichen gefördert werden sollte.
Die Abwertung des Begriffs „virtuelle Assistenz“ ist eng mit der „traditionellen“ Rolle von Frauen in der Gesellschaft verknüpft: Unterstützende Kraft – sei es im Büro oder im privaten Bereich. Diese Rollen wurden schon immer als untergeordnet sowie irrelevanter angesehen, und die Arbeit als weniger wertvoll betrachtet, was sich wiederum in der heutigen Wahrnehmung von virtuellen Assistentinnen widerspiegelt. Die Frauen sind „Dienerinnen“ von etwas Höherem und in ihrer Übernahme einfacher, repetitiver Aufgaben austauschbar sind.
Die Gesellschaft hat es in großen Teilen sehr lange und vereinzelt auch heute noch versäumt, die Fähigkeiten und den Wert dieser Arbeit (gleichermaßen) anzuerkennen. Wer denkt heute nicht immer noch in erster Linie an DEN Chef und SEINE Assistentin???
Diese stereotype Vorstellung ist nicht nur veraltet, sondern auch schädlich. Sie reduziert die Fähigkeiten und Qualifikationen von virtuellen Assistentinnen (und vielen weiteren Berufszweigen) auf ein Minimum und ignoriert die Vielseitigkeit und das Fachwissen, das viele von ihnen mitbringen.
Internalisierte Misogynie ist ein Thema, was sich in diesem Zusammenhang zu beleuchten lohnt. Sie bezieht sich auf die internalisierte, also quasi verinnerlichte, Ablehnung von oder Vorurteile gegenüber Frauen. Diese Vorurteile, die von der Gesellschaft oder Kultur geprägt sind, werden somit auch von Frauen selbst übernommen. Es äußert sich in der Selbstabwertung von Frauen, und wie bei allen anderen Menschen in der Übernahme von stereotypen Geschlechterrollen oder der Unterstützung von sexistischen Ansichten. Es ist wichtig, sich dieser internalisierten Misogynie bewusst zu sein und aktiv dagegen anzukämpfen, um Gleichberechtigung und Respekt für alle Geschlechter zu fördern. Wobei auch ich mich davon nicht freimachen kann…:
Übertragung auf die eigene Gedankenwelt
Ja, und irgendwann stellt man dann fest, dass man gerne auf alle Heiners und Jürgens sauer ist und selbst unbewusst vielleicht gar nicht so anders tickt oder sogar ein Teil des Problems ist.
Ein kleines Beispiel: Ich denke immer, dass ich für meine Tätigkeit von meinen Kund*innen keinesfalls viel Geld verlangen kann – schließlich könnte das ja jede*r andere Idiot*in übernehmen. Ich, mein Beruf und meine Ausbildungen sind Preis xy doch gar nicht Wert. (Spoiler: Doch, das sind sie natürlich)
Oder ist es nicht peinlich, ständig über sich, sein Können, seine Eigenschaften und Angebote zu reden, wenn man im Endeffekt ja „nur virtuelle Assistentin“ ist? (Spoiler: nein! Das nennt sich Online Marketing und zieht Kund*innen an, die einen suchen, brauchen und im besten Fall auch wertschätzen!)
Diese Übernahme solcher destruktiven Glaubenssätze ist ein besonders besorgniserregender Aspekt. Wenn man ständig mit der Vorstellung konfrontiert wird, dass die eigene Arbeit wenig(er) wert ist, beginnt man, selbst zu glauben, dass die eigenen Fähigkeiten nicht ausreichen oder dass kein Recht auf faire Entlohnung besteht. Diese Glaubenssätze können zu einem Teufelskreis führen, in dem Frauen immer und immer wieder ihre eigenen Talente und ihren Wert nicht erkennen. Lasst uns das gemeinsam durchbrechen!
Der Weg zur Wertschätzung:
Verstehen:
Das tatsächliche Problem ist nicht der Begriff an sich, sondern das auf die Internalisierung zurückzuführende schlechte Image. Bei dem Begriff „Assistenz“ hat man leider aufgrund bestimmter gesellschaftlicher Prägungen meist eine Frau vor Augen, die lediglich einfachste Tätigkeiten übernimmt, absolut austauschbar, untergeordnet und dazu maximal schmückendes Beiwerk ist.
Aufklärung:
Über solche Themen muss gesprochen werden. Es muss aufgeklärt werden, damit man nicht unbewusst Teil einer weiterhin schlechten Entwicklung ist, sondern aktiv eine positive mitgestaltet. Hier braucht es einfach wie immer Freiwillige, ich würde fast sagen Aktivist*innen, die sich Zeit nehmen zum Erklären, Aufklären, und die respektvoll „Stopp“ schreien, wenn egal an welcher Stelle Misogynie spürbar wird – ob beabsichtigt oder aus Versehen.
Aktives Umdenken:
Ich glaube, es wird Zeit, hier umzudenken und mit dem Begriff „Assistenz“ ab jetzt bewusst nur den positiven Aspekt des „Behilflichseins“ und „Unterstützens“ zu assoziieren, dieser kommt schließlich auch der Semantik am nächsten. (Ich weiß, leichter gesagt als getan und alles nicht von heute auf morgen abzulegen. Und es ist Arbeit und Anstrengung gefragt…)
Sonstiges:
Die Förderung von Gleichstellung und Diversität in allen Berufsfeldern sowie die Schaffung fairer Arbeitsbedingungen und angemessener Bezahlung für Assistenzkräfte können gesamtgesellschaftlich zu mehr Wertschätzung beitragen. Indem wir den Wert und die Bedeutung dieser Berufe so hervorheben, können wir dazu beitragen, dass die Gesellschaft Assistenzberufe angemessen schätzt und respektiert.
Zusammenfassung und Appell
Mein Fazit:
Der Begriff an sich ist nicht das Problem, sondern das, was uns die alten vermeintlichen Wahrheiten gesellschaftlicher Strukturen von ihm denken lassen. Für mich beschreibt die virtuelle Assistenz am aller passendsten meine Tätigkeit. Dafür bin ich dankbar. Das vorherrschende Image und das, was daraus gemacht wird, finde ich allerdings absolut nervig und uncool.
Lasst uns zusammen eine Veränderung anstoßen und lass du mich deine virtuelle Assistenz auf Augenhöhe sein. Informiere dich dafür jetzt über meinen Service. Ich würde mich freuen!