Excuse me, wir haben 2025
Auch wenn man es aktuell manchmal nicht glauben kann: Ja, wir leben im Jahr 2025. Dass wir zu diesem Zeitpunkt was Themen wie Gleichberechtigung, Feminismus & Co. angeht etwas weiter sind als momentan der Fall ist, haben sich wahrscheinlich viele gewünscht. Da uns allerdings weder das Festhalten an Traumvorstellungen noch das Versinken in Enttäuschung weiterbringt, beschäftigen wir uns heute mal mit der Realität.
Wir fragen uns: Wie geht es Frauen 2025 in der Arbeitswelt? Auf dem Weg zur Antwort auf diese Frage stolpern wir über diverse Ungerechtigkeiten, irritierende Fakten und Szenarien, in denen man einfach nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen möchte. Nichtsdestotrotz gibt es wie immer Hoffnung und konkrete Maßnahmen, die ergriffen werden können, um Frauen in den kommenden Jahren ein (noch) schöneres und gleichberechtigteres Arbeitsleben zu ermöglichen.
Schauplätze der Ungerechtigkeit
1. Gender Pay Gap (18% in GER)
Trotz gesetzlicher Gleichstellung und Fortschritten in vielen Bereichen verdienen Frauen in Deutschland immer noch durchschnittlich 18% weniger als ihre männlichen Kollegen. Diese Lohnlücke spiegelt sich nicht nur in den generell verglichenen Gehältern wider, sondern auch im direkten Vergleich von Frau und Mann im identischen Beruf.
2. Geringere Aufstiegschancen
Studien zeigen, dass Frauen seltener die Chance auf eine Beförderung erhalten, selbst wenn sie die gleichen Qualifikationen und Leistungen wie ihre männlichen Kollegen vorweisen können. In vielen Unternehmen gibt es nach wie vor die unsichtbare „gläserne Decke“, die Frauen daran hindert, in Führungspositionen aufzusteigen. In Zahlen bedeutet das konkret, dass Frauen nur halb so oft in Führungspositionen angestellt sind. Von den erwerbstätigen Männern waren 6,5 Prozent in einer Führungsposition tätig, während es von den erwerbstätigen Frauen nur 3,2 Prozent waren. Dabei spielt oft eine unbewusste Voreingenommenheit eine Rolle, die Frauen als weniger „ambitioniert“ oder „geeignet“ für Führungspositionen wahrnimmt. Vermeintlich „männliche“ Eigenschaften gelten nämlich immer noch als passender sowie hilfreicher für Führungspositionen. Dabei haben inzwischen zahlreiche Studien gezeigt, dass gemischte Führungsteams sowohl erfolgreicher als auch innovativer sind.
3. Unbezahlte Care-Arbeit
Frauen übernehmen weltweit den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit – sei es die Pflege von Kindern, älteren Familienmitgliedern oder die Hausarbeit. Bezeichnet wird das Ganze auch als Gender-Care-Gap. In Deutschland wenden Frauen pro Tag im Durchschnitt 44,3 Prozent mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit auf als Männer. Diese Arbeit wird oft nicht anerkannt, nicht wertgeschätzt und wirkt sich negativ auf die berufliche Entwicklung von Frauen aus, da weniger Zeit für ihre Karriere bleibt. Der Arbeitsaufwand zuhause oft addiert mit einem Teilzeitjob oder ähnlichen Modellen führt außerdem dazu, dass Frauen insgesamt mehr Stunden pro Woche für „Arbeit“ generell aufbringen müssen.
4. Berufliche Segregation
In vielen Fällen sind Frauen in bestimmten, traditionell „weiblichen“ Berufen wie Erziehung, Pflege oder Verwaltung tätig, während Männer häufig in den Bereichen Technik, Naturwissenschaften und Führung vertreten sind. Diese „Segregation“ führt nicht nur zu einem ungleichen Zugang zu den lukrativeren Branchen, sondern auch zu einer verzerrten Wahrnehmung der Fähigkeiten und Karrieremöglichkeiten von Frauen. Sobald dann beispielsweise eine Frau in einer vermeintlichen Männer-Domaine arbeitet, wird sie in der Regel weniger ernst genommen und unterschätzt.
5. Mehr Diskriminierung & Übergriffe am Arbeitsplatz
Frauen sind am Arbeitsplatz häufig Diskriminierung ausgesetzt, sei es in Form sexistischer Bemerkungen, sogar körperliche Übergriffe, unfairen Beurteilungen oder der Annahme, dass sie weniger belastbar oder fähig seien. Solche Diskriminierungen wirken sich negativ auf das Arbeitsklima und wieder auch auf ihre berufliche Entwicklung aus. Dass bei Belastungen dieser Art irgendwann auch der Frust steigt oder die Motivation schwindet, versteht sich von selbst.
6. Weniger Rente
Durch die oben genannten Ungleichheiten im Arbeitsmarkt erhalten Frauen am Ende ihres Arbeitslebens eine geringere Rente als Männer. Dies liegt nicht nur am geringeren Verdienst, sondern auch an den häufigeren beruflichen Unterbrechungen aufgrund von Care-Arbeit. Viele Frauen arbeiten aufgrund von Teilzeitmodellen oder Berufspausen dann länger, um dieselben Rentenansprüche zu erreichen wie ihre männlichen Kollegen. Oft erreichen sie diese dennoch nicht. Diese Rentenlücke trägt massiv zur Armutsgefährdung, vor allem der Altersarmut, von Frauen bei.
Alltägliche Beispiele zur Verbildlichung
Familie:
Ein weibliches Familienmitglied hat mal bei einer großen internationalen Parfümerie in der IT gearbeitet. Immer wenn sie lediglich kurz ansprach, bei welchem Unternehmen sie arbeitete, gingen alle automatisch davon aus, dass sie im Einzelhandel die Produkte einpacken würde.
Kirsten:
Als Mutter von 3 Kindern wird man sowieso schon schief angeguckt, wenn man überhaupt arbeitet. Die Generation 80+ schaute bei mir letztens schon komisch, als mein Mann für Kaffee und Kuchen verantwortlich war. Statt sich über meine flexible Arbeit als VA mitzufreuen, sind viele Leute eher irritiert über die Selbstständigkeit und alles andere als begeistert, dass man so „egoistisch“ dem eigenen Arbeitsleben Zeit einräumt….
Angela Merkel:
Angela Merkel sah ihr Frausein in der Kanzlerschaft in Teilen als Hindernis an. Teil ihrer Strategie war ein bewusst „männliches“, um als Frau im Kanzleramt trotz des Geschlechts ernstgenommen zu werden. Zu dieser Strategie des Auftretens gehörten beispielsweise auch ihre Hosenanzüge.
Blake Lively:
Blake Lively darf in Interviews als Schauspielerin locker dreimal so viele Outfit-Fragen beantworten wie ihre Kollegen. Außerdem hast du vielleicht den aktuellen Skandal bezüglich des Films „It ends with us“ und Justin Baldoni mitbekommen. Hier ging es um Vorwürfe sexueller Belästigung gegen Baldoni. Geglaubt wurde Lively zunächst nicht und mithilfe bewusster Strategien wurde sie von Baldonis Team zudem noch medial in ein sehr schlechtes Licht gerückt, um ihre Glaubwürdigkeit zu schmälern.
Annalena Baerbock:
Annalena Baerbock wurde in ihrem Job als Außenministerin gruselig oft nach ihren kleinen Kindern gefragt. Nicht aus Interesse, sondern einfach, weil die Vereinbarkeit ihres Postens mit ihrer Rolle als Mutter hinterfragt wurde. Diese Fragen bekamen Männer in ihrer Position nie oder zumindest deutlich seltener gestellt. Des Weiteren wird sie viel öfter als ihre Kollegen auf ihre Outfits und Garderobe angesprochen. Dabei wird sogar bis ins kleinste Detail analysiert, was sie wie oft trägt.
Was wir dagegen tun können:
1. Gleichstellungsgesetze stärken
Obwohl es bereits Gesetze zur Förderung der Gleichstellung gibt, müssen diese konsequenter umgesetzt und weiterentwickelt werden. Firmen sollten gesetzlich dazu verpflichtet werden, Transparenz in Bezug auf Gehälter und Aufstiegschancen zu schaffen und Diskriminierung aktiv zu bekämpfen.
2. Förderung von Teilhabe an Führung
Es braucht mehr Programme, die Frauen gezielt auf Führungspositionen vorbereiten und ihnen die nötigen Ressourcen und Netzwerke bieten. Mentorship-Programme und Frauenförderung müssen in Unternehmen verstärkt werden.
3. Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Der Zugang zu flexiblen Arbeitsmodellen, bezahltem Elternurlaub und Kinderbetreuungsangeboten ist entscheidend, um die Gleichstellung der Geschlechter zu fördern und Frauen die Möglichkeit zu geben, Karriere und Familie miteinander zu vereinbaren. Hier spielt natürlich auch noch die gleich faire Bezahlung beider Geschlechter mit rein, damit nicht schon aufgrund der finanziellen Situation automatisch der Mann weiterarbeitet.
4. Bewusstsein und Schulungen zu Diskriminierung
Unternehmen sollten Schulungen zu Themen wie Vorurteilen und Diskriminierung anbieten, um eine inklusivere Arbeitsumgebung zu schaffen. Auch sollte es klarere Richtlinien und Unterstützungsstrukturen geben, wenn es um den Umgang mit sexueller Belästigung und Übergriffen geht.
5. Frauenquote
Die Frauenquote bezeichnet eine gesetzliche oder freiwillige Vorgabe, die einen bestimmten Anteil von Frauen in bestimmten Bereichen oder Positionen sicherstellt, beispielsweise eben in Führungspositionen, Aufsichtsräten oder bestimmten Berufsgruppen. Ziel ist es, die Unterrepräsentation von Frauen in traditionell männlich dominierten Bereichen zu überwinden und generell die Geschlechtergleichstellung zu fördern.
6. Reflektieren und Diskutieren
Wie immer hilft es, sich der Probleme bewusst zu sein und in seinem Umfeld, aber vielleicht auch außerhalb der eigenen Bubble, in den Diskurs zu gehen. Bewusstsein zu schaffen und eigene Denkmuster zu reflektieren, die die ganze Problematik vielleicht unbewusst mit vergünstigen, sind ein kleiner guter Anfang in den eigenen 4 Wänden.
7. Politische Entscheidungen
Auch wenn wir wählen gehen, nehmen wir Einfluss auf diese Themen. Wer für mehr Gleichberechtigung und Freiheit ist, wählt im besten Fall bitte nicht rechts!
Online-Arbeit als Chance:
Was ich total schön finde: Die zunehmende Digitalisierung und der Trend zu Homeoffice und Online- beziehungsweise Remote-Arbeit bieten Frauen neue Chancen, insbesondere in Bezug auf Flexibilität für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Der Balanceakt zwischen beruflichen Projekten oder To-Dos und Care-Arbeit ist besser zu bewältigen. Es muss so weder auf Karrierechancen verzichtet noch die Familie vernachlässigt werden. Ich feiere genau das auch so an meiner Selbstständigkeit als virtuelle Assistenz.
Wichtig zu erwähnen ist natürlich, dass dieser technische Fortschritt nicht nur für Frauen, sondern auch für Familienväter und in ganz anderen Situationen wie bei Menschen mit körperlichen Einschränkungen ein riesiger Benefit ist.
Fazit
Trotz vieler Fortschritte, die man definitiv nicht verkennen darf, gibt es in der Arbeitswelt für Frauen nach wie vor erhebliche Ungerechtigkeiten. Von der Gender-Pay-Gap über weniger Aufstiegschancen bis hin zur Rentenlücke: Frauen stehen vielen Herausforderungen gegenüber, die ihre berufliche Entwicklung behindern und denen Männer sich in ihrer beruflichen Laufbahn selten bis nie stellen müssen. Um diese Missstände zu beseitigen, bedarf es umfassender Veränderungen auf politischer, gesellschaftlicher und unternehmerischer Ebene. Dennoch bieten neue Arbeitsmodelle und die fortschreitende Digitalisierung ernstzunehmende Chancen, diese Ungleichheiten zu überwinden und eine gerechtere Arbeitswelt zu schaffen – nicht nur für Frauen, sondern für alle!
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*Mir war es noch wichtig zu erwähnen, dass der Artikel natürlich jetzt durch den Fokus auf Frauen und die Abgrenzung zu den Privilegien von Männern mit einem scheinbar sehr binären Grundgedanken verfasst wurde. Die Ungerechtigkeiten betreffen natürlich NICHT nur Frauen, sondern auch generell FLINTA und auch andere Minderheiten. (FLINTA ist ein Akronym, das die unterschiedlichen Geschlechteridentitäten und -erfahrungen umfasst und für Frauen, Lesben, Inter-, Non-binäre, Trans- und Agender-Personen steht.)